Pierre Claverie (1938-1996) – P. Provenzial Thomas Gabriel Brogl OP am Ordenstag, 12. November 16 in Bamberg

Michael Albert Reinhardt OP

 

Am 12. November 2016 fand in Bamberg im Pfarrsaal von St. Urban, Filiale der Pfarrei Unsere Liebe Frau im Pfarrverband Dom – Obere Pfarre, der diesjährige Ordenstag der Erzdiözese Bamberg statt. Daran nahmen 166 Frauen und Männer aus den verschiedenen Orden und Laiengemeinschaften teil. Der Provinzial der süddeutsch- und oberösterreichischen Dominikanerprovinz, Pater Thomas Gabriel Brogl OP, hielt das Referat und wählte hierfür als Thema den in Deutschland eher unbekannten Dominikanerpater Pierre Claverie (1938-1996). Schon der heilige Dominikus wollte gleichsam an die Ränder gehen, wollte dort predigen, wo’s brennt. Ähnliches ist von Pater Claverie zu berichten.

 

Wer war dieser Mann? — Pierre Claverie wurde in Algerien geboren, als dieses Landfranzösische Kolonie war. Er verlebte eine glückliche Kindheit in seinem Elternhaus,jedoch lebte damals, in den 1930er Jahren  und auch später, die einheimischemuslimische Bevölkerung und die  französiche Kolonialbevölkerung in Algereingetrennt nebeneinander her. Claverie schrieb später: „Tatsache ist es, dass ich vollständig neben dem muslimischen Volk, welches neunzig   Prozent meiner menschlichen Umgebung darstellte, dahingelebt habe… Ich konnte  zwanzig Jahre in  dem leben, was ich nun die „koloniale Blase“ nenne, ohne die anderen wahrzuneh-   men.“ Doch Claverie  wollte sich damit nicht zufrieden geben. Er begann eine Entdeckungsreise hin zum muslimischen Volk.

Pierre Claveries Vater wollte, dass sein Sohn Ingenieurswesen studiere. Claverie gehorchte und studierte in Grenoble. Dort unternahm er auch eine Wallfahrt, welche ihn sehr nachhaltig geprägt haben muss. Er schrieb damals: „Religion ist innere Erfahrung, nicht Katechismuswissen.“ Später dann trennte sich Claverie von Freundin und Eltern und trat in La Tourette in den Dominikanerorden ein. Durch Kontakte zur Arbeiterpriesterbewegung wurde er für die soziale Frage sensibilisiert. Claverie war ein hochbegabter Theologiestudent, wobei er das, was er studierte, auch innerlich nachvollziehen konnte. Täglich hielt er eine Stunde Betrachtung, eine Stunde der Liebe. Dabei war er keinesfalls ein Einsiedler, sondern er stand in regem Austausch mit den Menschen. 1965 empfing er die Priesterweihe. Sein Wunsch sollte es sein, nach Algerien zurück zu kehren.

 

Doch das Land hatte sich inzwischen dramatisch verändert. 1954 war es zu einem Aufstand gekommen, welchen Frankreich mit annähernd einer halben Million Soldaten zu unterdrücken suchte. Es entwickelte sich der Algerienkrieg mit schweren Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung und 100 000 Toten. 1962 wurde Algerien unabhängig, blieb aber ein unruhiges und gefährliches Land. Daher verließ Claveries Familie das umkämpfte Algerien in dem Moment, in welchem Pierre Claverie dorthin zurück kehren sollte. Er lebte in einer höchst spannungsgeladenen Situation, über die er so schrieb: „Es versteht sich von selbst, dass dies eine ungeheure Anstrengung des Schweigens und des Gebets verlangt, um nicht die eigenen Lebensorientierung zu verlieren.“

 

Doch auch die katholische Kirche war damals in Umbruchsstimmung, denken wir an das Zweite Vatikanische Konzil. Claverie dachte darüber so: „Die Kirche ist heute im
Begriff, aus der „konstantinischen Ära“ hinaus zu gehen… Sie öffnet sich der Welt, anstatt sich mit Verboten zu behaupten. Sie breitet ihre Botschaft aus, anstatt sich vor Verurteilungen anderer zu schützen. Wo sie sich in ihrem europäischen Korsett lockert und sich nicht so wichtig nimmt, wird sie bereichert durch das Denken und Leben der Menschen aller Völker und Rassen. Da findet sie den ersten Schwung von Pfingsten wieder.“ Claverie wünschte der Kirche den Mut, den Abendmahlsaal zu verlassen, hinaus zu gehen in die Welt.

 

Doch auch Pierre Claveries Leben damals ist in vielerlei Hinsicht im Aufbruch. Er wird zu einem der theologischen Berater des Bischofs von Hippo, ist sein geschätzter Prediger und „Menschenfänger“, er hält Vorträge und Exerzitien für Ordensschwestern, wobei er sich die Themen stets von den Schwestern selbst vorgeben lässt. Auch schreibt er zwei Bücher, die zu einem besseren Dialog mit den Muslimen helfen sollen, Frucht seiner langjährigen Studien über den Islam. Im Jahr 1981, also im Jahr des Attentats auf Papst Johannes Paul II. (am 13.05.1981), wird Pierre Claverie zum Bischof von Oran in Nordalgerien ernannt. Er schreibt, es habe ihm dieses Attentat auf den Papst Mut gemacht, den Bischofsstab zu ergreifen, da er ja damit Bischof wird in einer Kirche, in der offenbar jeder getötet werden kann, selbst der Papst. Und doch will er nun verstärkt Wege finden hin zu den Muslimen, in dieser aufgeheizten Situation. Claverie glaubt an die Kraft der Menschlichkeit und daran, dass Armut und Schwachheit wichtig sind, um die Kirche wieder zu ihrer eigentlichen Sendung zu führen.

 

Christen und Muslime standen sich damals wie zwei feindliche Blöcke gegenüber. Was tun? Claverie entwickelte damals seine eigene Methode, gleichsam die „Methode Claverie“, um zu vermitteln, um Brücken des Verständnisses zu bauen. Entscheidend ist seiner Meinung nach die Wahrheitsfrage: Einander die Wahrheit sagen, und es durchaus riskieren, auch mal anzuecken. Es geht ihm nicht um Harmonie und um billige Kompromisse. Der ehrliche Dialog dagegen führt die Gesellschaft hin zur Wahrheit. Die Wahrheitsfrage kann laut Claverie die Mensche zu einander bringen: „ Es geht also nicht darum, um jeden Preis Versöhnung zu schaffen… mit Lösungen des Entgegenkommens … Der Dialog, in dem Kontext, der uns interessiert, ist nicht eine politische Art des Kompromisses. Er ist auf feinem höherem Niveau anzusiedeln. Er verlangt totale Aufrichtigkeit und, um fruchtbar zu sein, verlangt er von jedem von uns, ganz er selbst zu sein, ohne Aggression und ohne Kompromisse einzugehen.“

 

Claverie verdeutlicht dies so: „Ich brauche die Wahrheit des Anderen…“ Er schreibt: „Ich gestehe nicht nur zu, dass der Andere ein Anderer ist, ein Subjekt in seiner Verschiedenheit, frei in seinem Bewusstsein, sondern ich akzeptiere, dass es einen Teil der Wahrheit innehat – einen Teil, der mir fehlt und ohne den meine eigene Suche nach Wahrheit nicht erfolgreich beendet werden kann.“ Dies gilt im Dialog zwischen den Menschen und zwischen den Religionen.“

 

Doch Mitte der 1990er Jahre spitzt sich die politische Situation in Algerien zu. Christen und Muslime stehen sich feindselig gegenüber. Viele fordern Claverie auf, aus Algerien weg zu gehen. Aber er bleibt, denn er sieht den Ort der Kirche genau an den Bruchstellen der Gesellschaft. Die Kirche muss, so Claverie, am Fuß des Kreuzes Christi ausharren: „Jesus ist gestorben, zwischen Himmel und Erde ausgebreitet, die Arme geöffnet, um die Kinder Gottes zu sammeln, die verstreut sind durch die Sünde, die sie trennt, die sie isoliert, die die Einen gegen die Anderen und gegen Gott selbst aufwiegelt. Jesus hat sich auf die Bruchstellen gestellt, die aus dieser Sünde entstanden sind. Alles ist aus dem Gleichgewicht geraten, und es gibt Bruchstellen am Leib, am Herzen, am Geist. Die menschlichen und sozialen Beziehungen haben in ihm Heilung und Versöhnung gefunden, denn er hat sie auf sich genommen. Er stellte seine Jünger auf dieselben Bruchstellen mit derselben Mission von Heilung und Versöhnung. Die Kirche vollendet ihre Berufung und ihre Mission, wenn sie gegenwärtig ist an den Bruchstellen, die die Menschheit in ihrem Fleisch und ihrer Einheit kreuzigen. In Algerien sind wir auf einer der seismischen Linien, die die Welt durchlaufen: Islam – Westen, Nord – Süd, reich – arm, etc. Wir sind hier an unserm richtigen Platz, denn nur an diesem Ort lässt sich das Licht der Auferstehung erahnen und mit ihm die Hoffnung auf eine Erneuerung der Welt.“

 

Doch Stimmen der Versöhnung und des Ausgleichs, wie die Stimme von Pierre Claverie, wurden zu wenig gehört. Im Jahr 1996 wurden in Algerien die Mönche von Tibhirine ermordet, der Kinofilm „Von Menschen und Göttern“ hat später diese Mönche und ihr tragisches Sterben bekannt gemacht. Am 01.08.1996 kam Pierre Claverie abends, zusammen mit seinem muslimischen Fahrer, nach Hause. Wie gewohnt ging er zuerst in die Kapelle und betätigte den Lichtschalter, nicht ahnend, dass dieser mit einer Bombe verbunden war. Claverie und sein Chauffeur werden von der Explosion zerrissen, an den Wänden der Kapelle vermischt sich das Blut der beiden. Bei der Beerdigung liegt auf dem Sarg des Bischofs eine Stola mit der arabischen Aufschrift: „Gott ist die Liebe.“

 

Der Referent des Ordenstages, Pater Thomas Gabriel Brogl OP,  schließt / schloss seine Ausführungen mit der Bemerkung, dass Claveries Texte immer sehr dicht und aussagekräftig sind – man könnte über viele Passagen lange meditieren. Zudem empfiehlt er das Buch: Jean-Jaques Pèrennès: Pierre Claverie. Dominikaner und Bischof in Algerien. Aus der Reihe: Dominikanische Quellen und Zeugnisse. Band 17. St.-Benno-Verlag, Leipzig, 2014. ISBN: 978-3-7462-4106-7 (www.st-benno.de). Es sei ferner darauf verwiesen, dass es über die Mönche von Tibhirine im Verlag „Canisi Edition“ auch ein Comic gibt: „Die Mönche von Tibhirine“, Text von Patrick Deschamps. Deutsche Ausgabe 2012. (www.canisi-edition.com)

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